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Herbst 89

In den 80er Jahren ließ es sich nicht mehr schönreden: Die DDR stand vor einem wirtschaftlichen Fiasko. In den Läden herrschte Mangel an vielem, das über die Grundversorgung hinausging. Viele Waren, die im Westen in jedem Supermarkt erhältlich waren, gab es für normale Bürger nicht oder nur zu hohen Preisen. Wohnungen waren trotz vieler Neubauten knapp, während in den Städten die Altbauten langsam verfielen. Reisefreiheit gab es nur in Richtung Osten, die Ferien verbrachte man an der Ostsee oder in der Tschechoslowakei. Verdiente Genossen dagegen konnten begehrte Waren in ausgewählten Läden kaufen, wohnten in schicken Vorzeigebauten und durften auf Kreuzfahrt gehen.

Als Jugendlicher konnte man seine Lehrstelle nicht frei wählen. Wer studieren wollte, tat gut daran, vorher drei Jahre Armeedienst abzuleisten. Wer es nicht tat, lief Gefahr, seinen Studienplatz zu verlieren. Bestimmte Musikrichtungen waren verpönt, ihre Anhänger wurden schikaniert. Gruftis, Punks oder Heavy-Metal-Fans in ihren eher unkonventionellen Outfits mussten mit ständigen Kontrollen rechnen.

Meinungsfreiheit gab es nur auf dem Papier. Die Parteipresse hatte jeden Bezug zur Wirklichkeit längst verloren. Nur die Stasi wusste, wie es wirklich aussah im Land. Sie hatte ihre Ohren und Augen überall.

Demonstration in Leipzig
   
Demonstrationsteilnehmer in der Leipziger Innenstadt

Demonstrationsteilnehmer in der Leipziger Innenstadt Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, KD Lpz-Stadt, 03348

Medienvertreter filmen eine Demonstration in der Leipziger Innenstadt

Medienvertreter filmen eine Demonstration in der Leipziger Innenstadt Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, KD Lpz-Stadt, 03348

Demonstrationsteilnehmer vor der Nikolaikirche

Demonstrationsteilnehmer vor der Nikolaikirche Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, KD Lpz-Stadt, 03348

Spruchband auf einer Demonstration

Spruchband auf einer Demonstration Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, KD Lpz-Stadt, 03348

Demonstrationsteilnehmer in der Leipziger Innenstadt

Demonstrationsteilnehmer in der Leipziger Innenstadt Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, KD Lpz-Stadt, 03348

Im Herbst 89 brach sich schließlich die Unzufriedenheit der Menschen Bahn. Sie hatten es satt, eingesperrt zu sein und 14 Jahre auf einen Trabant zu warten. Sie wollten bei einer Wahl tatsächlich Alternativen haben. Sie schätzten niedrige Mieten, aber nicht um den Preis, dass ein Haus nach dem anderen in sich zusammensackte. Die Zeit war reif für Veränderungen, der reformorientierte sowjetische Staatschef Gorbatschow galt vielen als Hoffnungsträger. Die SED-Riege hingegen hatte Angst vor neuem Denken, vor Glasnost und Perestroika.

Die Verärgerung in der Bevölkerung wuchs, jeder kannte einen oder mehrere Antragsteller auf Ausreise, viele flüchteten über Ungarn. Menschen, die da bleiben wollten, organisierten sich zunehmend in oppositionellen Gruppen. Anfangs oftmals unter dem Dach der Kirche, später auch ohne diesen Schutz. Das Neue Forum wurde zum Sammelbecken für Leute, die eine demokratische Erneuerung anstrebten.

Der Herbst '89 in Bildern
   
LKW mit Polizisten in der Leipziger Innenstadt

LKW mit Polizisten in der Leipziger Innenstadt Quelle: Eckhard Otto

Polizeieinheiten sammeln sich in der Leipziger Innenstadt

Polizeieinheiten sammeln sich in der Leipziger Innenstadt Quelle: Eckhard Otto

Tausende Demonstranten auf dem Leipziger Innenstadtring

Tausende Demonstranten auf dem Leipziger Innenstadtring Quelle: Eckhard Otto

Losung auf einer Demonstration

Losung auf einer Demonstration Quelle: Eckhard Otto

Spruchband auf einer Demonstration

Spruchband auf einer Demonstration Quelle: Eckhard Otto

Plakat vor der Runden Ecke, Sitz der BV Leipzig der Staatssicherheit

Plakat vor der Runden Ecke, Sitz der BV Leipzig der Staatssicherheit Quelle: Eckhard Otto

Demonstrationsteilnehmer auf dem Karl-Marx-Platz, heute Augustusplatz

Demonstrationsteilnehmer auf dem Karl-Marx-Platz, heute Augustusplatz Quelle: Eckhard Otto

Spruchband auf einer Demonstration

Spruchband auf einer Demonstration Quelle: Eckhard Otto

Losung auf einer Demonstration

Losung auf einer Demonstration Quelle: Eckhard Otto

Demonstration am Leipziger Brühl

Demonstration am Leipziger Brühl Quelle: Eckhard Otto

Das Jahr 1989 wurde zum Schicksalsjahr der DDR. Es begann mit gefälschten Wahlen im Mai und endete mit dem Mauerfall im November. Viele Menschen überwanden in diesem Jahr ihre Angst, viele gingen auf die Straße und fassten dort ihren Nachbarn bei der Hand. Auf den Transparenten waren ihre Forderungen zu lesen. Wer bis dahin geschwiegen hatte, sagte nun laut seine Meinung. Einzelne Lehrer riefen ihre Schüler zur Teilnahme an den Demonstrationen auf. Viele kleine Heldengeschichten wurden zur großen Heldentat: dem Mauerfall.

Ein paar dieser Geschichten wollen wir mit "Untold Stories" erzählen.

1989

  • 2. Mai
    Ungarn beginnt mit dem Abbau seiner Grenze nach Österreich.
  • 7. Mai
    Bei den Kommunalwahlen in der DDR weisen Bürgerrechtlern massive Fälschungen nach. Es kommt zu Protesten.
  • 8. Juni
    Die Volkskammer der DDR befürwortet das Massaker am 4. Juni auf dem Pekinger "Platz des himmlischen Friedens".
  • ab Juli
    DDR-Bürger flüchten über Ungarn nach Österreich oder suchen Zuflucht in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin und in den bundesdeutschen Botschaften in Budapest und Prag.
  • 8. August
    In Ost-Berlin muss die Ständige Vertretung der Bundesrepublik wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen werden.
  • 25. September
    Tausende Menschen gehen zur Montagsdemonstration in Leipzig auf die Straße.
  • 30. September
    5.500 DDR-Bürger, die sich in der völlig überfüllten Prager Botschaft befinden, erhalten die Genehmigung zur Ausreise. Sie werden ab dem 4. Oktober mit DDR-Sonderzügen in die Bundesrepublik gebracht.
  • 4. - 8. Oktober
    In Dresden werden bei Auseinandersetzungen zwischen Ausreisewilligen, Demonstranten und Sicherheitskräften über 1.300 Personen festgenommen.
  • 7./8. Oktober
    In Ost-Berlin demonstrieren die Menschen gegen die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR. Es kommt zu zahlreichen Übergriffen von Polizei und Staatssicherheit.
  • 9. Oktober
    In Leipzig demonstrieren 70.000 Menschen. Die Sicherheitskräfte greifen nicht ein und alles bleibt friedlich.
  • 17./18. Oktober
    Erich Honecker tritt als SED-Generalsekretär zurück, sein Nachfolger wird Egon Krenz.
  • 4. November
    Auf dem Alexanderplatz in Ostberlin demonstrieren etwa 500.000 Menschen.
  • 6. November
    Der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke ordnet die Vernichtung oder Auslagerung von brisantem Stasi-Material an.
  • 7./8. November
    Die amtierende Regierung der DDR tritt zurück.
  • 9. November
    In der Nacht zum 10. November passieren die ersten Ostberliner die Grenze nach Westberlin. Beginn der Maueröffnung.
  • 4./5. Dezember
    Aufgebrachte Bürger, die die Vernichtung von Beweismaterial befürchten, beginnen mit der Besetzung von Bezirksämtern und Kreisdienststellen der Staatssicherheit. Den Anfang machen unter anderem Erfurt und Leipzig.

1990

  • 15. Januar
    Aus einer Demonstration vor der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg und einer parallelen Aktion von Vertretern der regionalen Bürgerkomitees entwickelt sich eine Besetzung des Gebäudekomplexes.
  • 8. Februar
    Die Auflösung der Staatssicherheit beginnt. Ende März sind alle Mitarbeiter entlassen.
  • 18. März
    Die Bürger der DDR können zum ersten Mal ihre Volkskammer frei wählen.
  • 24. August
    Die DDR-Volkskammer beschließt ein Gesetz, zur Nutzung und Sicherung der Akten des MfS.
  • 4. September
    Vertreter der Bundesrepublik nehmen das Gesetz nicht in den Einigungsvertrag auf und sprechen sogar von Vernichtung der Akten. Daraufhin besetzen Bürgerrechtler die ehemalige MfS-Zentrale und treten in einen Hungerstreik
  • 18. September
    Per Zusatzklausel zum Einigungsvertrag erhält der Deutsche Bundestag den Auftrag, ein entsprechendes Gesetz nach den Grundsätzen des DDR-Gesetzes zu schaffen.
  • 3. Oktober
    Tag der deutschen Einheit
  • Der Abgeordnete Joachim Gauck (Bündnis 90) wird nach Beschluss der Volkskammer zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen ernannt

Quelle: Jens Gieseke unter Mitarbeit von Doris Hubert, Die DDR-Staatssicherheit - Schild und Schwert der Partei, 2. Auflage, Bonn 2001 und Sächsische Landeszentrale für politische Bildung

"Untold Stories" - Trailer

Wisst Ihr eigentlich, was im Herbst 1989 in Eurer Stadt passiert ist? Dann geht auf Spurensuche.

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